Muss nur noch kurz die Welt retten, danach werd’ ich agil…

Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit alten Projekthasen.

Zur weiteren thematischen Auseinandersetzung wechseln wir an dieser Stelle wieder in unser DesastrÖÖs-Übungsfeld, den Projektbauernhof.

Da stehe ich nun, als alter Projekthase und ehemalige Führungskraft, die unter den alten Umständen keine Führungskraft mehr sein wollte, und bin nun Teil eines agilen Teams – auf einem neuen Projektbauernhof, also bei einem neuen Arbeitgeber.

Der Hof befindet sich mitten in einem agilen Wandel. Raus aus der alten Welt, die durch Prozesse und Hierarchie an vielen Stellen gelähmt wurde, hin zu einer schnellen und kundenorientierten Organisation aus selbstorganisierten Teams. Das ist großartig, aber hat auch seine Schattenseiten, denn der eine oder andere Kollege nimmt diesen Wandel vielleicht anders war: Hinein in ein Chaos. (Anm.: Vielleicht braucht es aber auch Chaos, damit neue Ordnung entstehen kann. Teenager 2 praktiziert diesen Wandel gelegentlich in seinem Zimmer.)

Ich bin Profi in Sachen Chaos. Ich habe viel Chaos produziert und viel Chaos behoben. Als alte Hase habe mir jedes meiner grauen Hasenhaare beim Entwickeln, beim Codereview, oder später als Projektleiter oder Lenkungskreis redlich verdient – meistens durch kleinere oder größere Desaster.
Und nun, angekommen auf dem neuen Bauernhof und ausgestattet mit einem reichhaltigen Erfahrungsschatz an desastrÖÖsen Projekten, versteht man die Kollegen, die sich verwirrt in manche Ecken des Hofs umsehen und sich “WTF?” denken.

Der Drang, die Welt zu retten

Der Bau des neuem Hühnerstalls erfolgte ohne Baugenehmigung, beim Projekt „Wir werden Bio“ war „Bio“ gar nicht definiert, das Produkt „Eier aus dem letzten Jahrzehnt“ war in der Produktion viel zu teuer und hatte keinen echten Businesscase, und die Anlage zur Kuhmassage hat eine Verfügbarkeit unter 98,3%, um nur einige Beispiele zu nennen.
Da muss doch endlich mal jemand durchgreifen, die Weilt retten, oder auch „agil durchregieren“ wie kürzlich jemand sagte. Muss man das?

Bei diesem partiell gefühltem Chaos auf dem Hof beginnt natürlich schnell das Gegacker des Federviehs:
„Hier denkt keiner mehr mit!“
“Wir brauchen EIER !!!11!1!!1!”
„Die brauchen mal einen Erwachsenen!”

Apropos Erwachsenen: Was ist eigentlich meine Rolle als Erwachsener in der Kindererziehung? (Ja, der Vergleich hinkt, aber ist ein junges, sich bildendes Team in einer völlig neuen Unternehmenskultur nicht manchmal vergleichbar mit einem Teenager, der nach Erfahrung und Orientierung sucht?)
Wenn die Kinder beginnen mit dem Rad zur Schule zu fahren, fährt man vielleicht ein- bis fünfmal mit. Man schaut, ob sie schon sicher fahren, erklärt die Verkehrsregeln und mahnt zu Obacht an den gefährlichen Stellen.
Irgendwann lässt man die Kinder alleine fahren und achtet nur noch darauf, dass sie beim losfahren einen Helm tragen. Später kontrolliert man auch das nicht mehr, denn wer mündige Mitmenschen erziehen will, muss sich aus der Rolle des Kontrolleurs verabschieden und vertrauen – wohl wissend, dass es auch schief gehen kann.

Welche Rolle sollten also wir, die alten Hasen, in der neuen Arbeitswelt einnehmen? Als erstes sollten wir natürlich einfach nur teilnehmen. Wir sollten begleiten, unterstützen, befähigen – aber sicher nicht kontrollieren oder zu viel bremsen.

“Ewig im Gestern” oder “vernünftig”?

Hier droht Gefahr: Wer im Wandel manchmal mahnend den Finger hebt, wird oft fälschlicherweise als „verliebt in die alte, hierarchische Arbeitswelt“ wahrgenommen. Es bleibt zu hoffen, dass die Firmen der neuen Arbeitswelt die alten Hasen nicht aufs Abstellgleis der „gestrigen Bremser“ stellen, sondern die Rolle des fachlichen „Befähigers“ erlauben und fördern. Viele Firmen setzen zwar Coaches ein, um die Transformation zu begleiten, das agile Denken zu fördern und die Organisation zu hinterfragen und zu verändern – aber was passiert mit dem fachlichen operativen Geschäft in jungen Teams?
Dort, wo Aufgaben umverteilt werden, wo neue Menschen sich in neue Themen einarbeiten, dort braucht man die alten Hasen mit ihrem Wissen und Können.

Liebe Organisationswandler: Schafft diese fachliche Unterstützungsrolle. Ihr zeigt den alten Hasen damit Eure Wertschätzung. Außerdem unterstützt ihr die jungen Teams und die Kunden werden es Euch danken.

Liebe Teams: Nicht jeder, der Unterstützung anbietet, will “agil durchregieren”.

Liebe „alte Hasen“: Hört auf, die Welt im Alleingang zu retten, Superhelden gehören in Marvel-Filme, aber passen nicht in eine wertschätzende Teamkultur. Setzt Eure Kräfte im Team ein, unterstützt, warnt vor gefährlichen Stellen, aber lasst los und lasst die jungen Kollegen erst mal losfahren.

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