Selbsterfüllende Komplexität

Wenn über agiles Vorgehen und Management 3.0 gesprochen wird, geht es immer wieder um die Definition von “komplex” und “kompliziert”. Als Unterscheidungsmerkmal wird dabei oft die „Vorhersagbarkeit“ angeführt. Meine Armbanduhr ist kompliziert, (all die Zahnrädchen), aber recht berechenbar. Es ist nicht zu erwarten, dass meine Uhr ab morgen rückwärts läuft, sie ist also nicht komplex.
Projekte laufen hingegen gelegentlich rückwärts.

Für komplexe Themen solle man nach der agilen Lehre eher mit agilen Methoden und Strukturen arbeiten, während sich standardisierte Prozesse (wie z.B. Produktion) auch durch Hierarchien gut steuern ließen.

Soweit zur Theorie – an der ich inzwischen aber zweifle. Denn in jedem, noch so einfachen Prozess gibt es eine Komponente, die nicht vorhersehbar oder sogar unberechenbar ist: Die Hierarchie und ihre Menschen. Durch eine unberechenbare Hierarchie kann aus jedem simplen Prozess ein Produktionskiller werden.

Als Beispiel gehen wir mal wieder auf den Projektbauernhof. Die gute alte Melkmaschine tut schon seit vier Jahren fehlerfrei ihren Dienst. Das ist doch Grund genug um endlich diesen überteuerten Wartungsvertrag zu kündigen.

Die Produktion geht weiter, keine Spur von Problemen oder gar Komplexität, bis das Drecksding tatsächlich ausfällt.
Nun beginnt das, was vermutlich jeder Leser schon zig mal erlebt hat:
– Keiner will verantwortlich sein
– Irgendjemand, hoffentlich mit etwas Wissen und Können, wird sich
schließlich kümmern
– Dieser Jemand wird aus seinem Tagesgeschäft gerissen
– Dort bleiben wiederum andere Aufgaben liegen.

Warum fällt das Management solche schwerwiegende Entscheidungen? Ganz einfach: Weil es – dank seiner Höhe in der Hierarchie – keine Ahnung mehr hat. Ein funktionierendes Management muss übrigens auch keine Ahnung haben, denn ein funktionierendes Management hat Mitarbeiter, die Ahnung haben. Diese werden vor schwerwiegenden Entscheidungen befragt.

Eine NICHT funktionierende Hierarchie entscheidet jedoch auf Basis von Halbwissen, ohne die Konsequenzen abwägen zu können. Da werden Wartungsverträge gekündigt, Serverumzüge beschlossen, oder Mitarbeiter in Schlüsselpositionen in andere Bereiche oder Projekte geworfen.
Manchmal heben hier noch einige Kollegen eine mahnende Hand, was jedoch, je nach Stabilität der Management-Filterblase, vom Management nur als „Gejammer“ wahrgenommen wird.
Ja, ein Management muss manchmal unbeliebte, strategische Entscheidungen treffen. Entscheidungen, für die anderen Kollegen manchmal auch der Weitblick fehlt. Andererseits ist es nunmal Aufgabe der Operative die Melkmaschine am laufen zu halten.

Der einzige komplexe, unberechenbare Produktionskiller in einer nicht funktionierenden Hierarchie ist nicht die Melkmaschine, sondern die Menschen in der Hierarchie.
Hier hilft nur ein Schritt: Der Schritt aus den Filterblasen des Managements und der Operative – auf Augenhöhe mit den Kollegen sprechen.

Liebe Operative: Lernt zu verstehen, was die Management-Kollegen mit ihren Entscheidungen erreichen wollen. Erklärt sachlich die Konsequenzen und bietet Alternativen. Dafür seid ihr die Spezialisten.

Liebe Manager: Aufgabe eines Managements ist es, das Unternehmen und seine Mitarbeiter in eine sichere Zukunft zu führen und dabei auch schwierige Entscheidungen zu fällen. Dafür seid ihr die Spezialisten, “Führen” kann nicht jeder. Aber: Hört aber auch auf die Spezialisten aus der Operative – denn “Operative” kann auch nicht jeder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.