Wie ich mein erstes Projekt erbte

Eigentlich ist diese Formulierung irreführend, denn viel spannender ist die Frage, WO ich mein erstes Projekt erbte.
Ich will nicht zu viel verraten, aber in diesem Zusammenhang fiel mir erstmals auf, dass Herrentoiletten keine Notausgänge haben. (Eine Fehlplanung. Das wäre aus vielerlei Gründen sehr wichtig.)

Eines Abends, mein Tagesgeschäft war erledigt, trocknete ich mir die Hände ab. Plötzlich kam der Herr Prokurist herein und freute sich, mich zu sehen. (Wo ist der verdammte Notausgang????). „Ach Stephan, schön Dich zu sehen, komm doch gleich mal in mein Büro, wir brauchen ja einen Neu-Projektleiter für den Kunden XYZ.“

Nun muss man wissen, dass der „Alt-Projekt-Leiter“ für den Kunden XYZ am Vorabend, unweit von der gerade durch den Prokuristen verstellten Toilettentür, weinend vor seinem Rechner saß. „Ich halte diesen Scheiß nicht mehr aus, ich werde jetzt Berufsschullehrer.“ Einen Abend später, ohne Fluchtmöglichkeit, wurde mir klar, dass er sein Ding durchgezogen hatte. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Lieber Ex-Kollege: Falls Du das hier liest: Hoffentlich bist Du nun an einem besseren Ort, ich verstehe Deine Tränen, denn dieses Projekt war ein Horrortrip. (Wobei ich sehr bezweifle, dass es in der Berufsschule einfacher ist als beim Kunden).

Jahre später, bei einem anderen Arbeitgeber, durfte ich Kollegen aus allen Fachbereichen in Sachen „Projektmanagement“ schulen. Dieses Kloprojekt war dabei das Paradebeispiel für Fehlbesetzungen, felhgeschlagene Planung, mangelhaftes Risiko- und Stakeholdermanagement.

  • Der Dienstleister-PL, also ich, wurde unausgebildet in die Rolle des PLs geworfen (vorher war ich Senior-Entwickler)
  • Der Kundenprojektleiter kam zu dem Posten, weil er Neffe vom Chef war – total überfordert
  • Der Betriebsrat war gegen die Einführung der Software. Das Erste, was mir die Kunden GF bei meinem Besuch zeigte, war ein Aushang des BR, warum der BR die Software nicht will
  • Den Mitarbeitern wurde nie erklärt, warum man die Software einführt
  • usw.

In Folge kam es zu Sabotage-Akten. Es wurde mit Stahlkugeln auf Hardware geschossen, Verkabelung durchgeschnitten usw.

Das Projekt ging also genau so besch***** weiter, wie es auf der Herrentoilette begann.

Idee – in eigener Sache

Mein erstes, geerbtes Projekt war ein totales Desaster – aber sehr lehrreich. Da fällt mir ein: Wie lernt Ihr eigentlich aus Fehlern? In letzter Zeit bestätigten mir drei Projektleiter aus drei Firmen: Das größte Problem ihrer Firma sei, dass das Unternehmen nicht aus ihren Fehlern lerne.

Gibt es in Eurer Firma eine Plattform, wie z.B. FuckUp-Nights, um aus Fehlern zu lernen? Auf dem #SWEC18 nutzte man dafür das Bällebad, immerhin ein besserer Ort als das Klo.

Ich hätte fast Lust auf einen #DesastrÖÖs-Podcast. Dafür bräuchte ich aber viele, viele Projektleiter die offen über die Horrorprojekte aus dunkler Vergangenheit berichten – natürlich mit anonymisierten Firmen oder Kunden. Lust?

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